Ein Arbeitszeugnis soll wahr und wohlwollend ausgestellt werden. Damit sind diskreditierende Formulierungen und offen ausgesprochene Kritik verboten. Versteckte Kritik kann dagegen aufgeführt werden. Standardisierte Phrasen avancieren so zum Geheimcode Arbeitszeugnis. Sie klingen zwar ziemlich nett, bedeuten aber teilweise das genaue Gegenteil.

Formulierungen richtig deuten und verstehen

Viele Arbeitnehmer glauben beim ersten Lesen des Testats, der Chef war mit ihrer Arbeit völlig zufrieden. Allerdings verbirgt sich hinter schönen Worten manchmal ein ganz vernichtendes Urteil. Der Geheimcode Arbeitszeugnis vermittelt der nächsten Firma auf diese Weise geheime Botschaften, die den potentiellen Arbeitgeber vor dem Bewerber warnen sollen. Einige Beispiele verdeutlichen diese Praxis.

  • „Die Mitarbeiterin verfügt über Selbstvertrauen und Fachwissen.“
    Das bedeutet, dass die Angestellte arrogant war und sich divenhaft benahm.
  • „Bei Kunden machte sich der Mitarbeiter beliebt.“
    Dieser Satz gilt im Verkaufsbereich als vernichtend: Der Angestellte konnte nicht verhandeln, dem Unternehmen gingen dadurch Einnahmen verloren. Schlimmstenfalls gab es sogar Verluste.
  • „Sie bemühte sich, den Anforderungen gerecht zu werden.“
    Das klingt schon etwas mehr nach Mangel und bedeutet, dass gar keine positiven Arbeitsergebnisse entstanden.
  • „Sie war eine umgängliche und kontaktbereite Kollegin.“
    Das heißt, dass keiner im Unternehmen die Mitarbeiterin leiden konnte.

Die Liste der wohlklingenden Sätze kann beliebig fortgesetzt werden. Heute findet jeder Interessent im Netz die entsprechenden Hinweise zur Übersetzung und kann sich damit die Formulierungen leicht deuten. Früher gelang die Übersetzung der Phrasen einem Laien kaum. Heute verursacht die Deutung bei nicht wenigen Lesern ein ungläubiges Kopfschütteln.

Video: Die 10 häufigsten Geheimcodes im Arbeitszeugnis

Versteckte Noten wie im Unterricht

Mittlerweile werden sogar verklausulierte Schulnoten in die Arbeitszeugnisse eingebracht. Diese erkennt der Leser meist an den Worten „stets“, „zur vollsten“ oder „zur vollen“. Das Wort „bemüht“ indes bedeutet immer etwas Schlechtes. Der Beurteilte hat sich lediglich bemüht, aber das Ziel nie erreicht. Der klassische Notenspiegel funktioniert im Geheimcode Arbeitszeugnis recht einfach.

Berater Tipp

  • „Stets zur vollsten Zufriedenheit“ ist die Schulnote 1.
  • „Zur vollsten/stets zur vollen Zufriedenheit“ gleicht der Schulnote 2.
  • „Zur vollen Zufriedenheit“ hingegen spricht für die Schulnote 3.
  • „Zur Zufriedenheit“ bedeutet die Schulnote 4.
  • „Im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit“ beherbergt die schlechte Schulnote 5.
  • „Hat sich bemüht“ steht für die schlechteste aller Schulnoten, nämlich der Schulnote 6.

Welchen Wert besitzt ein Arbeitszeugnis in der Gegenwart wirklich?

Viele Arbeitgeber haben heute schon erkannt, dass der Geheimcode Arbeitszeugnis eigentlich nicht mehr angebracht ist. In vielen Betrieben, gerade in kleineren Unternehmen, brachten Arbeitszeugnisse zudem oft nicht die Qualitäten eines Mitarbeiter zum Ausdruck. So wollten viele Chefs ihren Angestellten ein gutes Zeugnis geben, irrten sich aber in der Formulierung und legten dem Zeugnisempfänger ungewollt Steine auf den weiteren Berufsweg.

Viele Menschen verändern die Arbeitsweise in neuen Unternehmen. Sie kommen mit den Anforderungen besser aus und liefern gute Arbeitsergebnisse. Gerade dann, wenn unbedingt neues Personal benötigt wird, sehen die Vorgesetzten gern einmal über schlechte Arbeitszeugnisse hinweg.

Außerdem stellt der Geheimcode Arbeitszeugnis nicht gerade eine vorbildliche Art zwischenmenschlichen Umgangs dar. Dessen werden sich viele Arbeitnehmer immer mehr bewusst und bevorzugen eine direkte und konstruktive Aussprache mit ihren Angestellten.

Das Arbeitszeugnis ist vielleicht ein Auslaufmodell

Ob die moderne Arbeitswelt noch ein Arbeitszeugnis benötigt, steht nicht genau fest. Formulierungen, die als Geheimcode Arbeitszeugnis einen Menschen mit unklarer Worten beurteilen, haben eigentlich im Umgang miteinander keine Berechtigung. Der Wert solch eines Dokumentes steht zunehmend auch bei den Arbeitgebern in der Diskussion. Vielleicht bringt die Zukunft eine offene und konstruktive Kritik, die für beide Parteien mehr Nutzen bringt. Der Mensch entwickelt sich, die Arbeitswelt muss nachziehen.

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