Wer vor einigen Tagen die Fernseh-Nachrichten ansah, der erschrak möglicherweise über eine Nachricht bzgl. eines Gerichtsverfahrens in der großen Braunschweiger Stadthalle. Dort würde eine Musterfeststellungsklage im Zusammenhang mit der Diesel Manipulation verhandelt werden. Für die beeindruckende Zahl von etwa 430.000 Autokäufern – soweit das Fernsehen und auch die dazu gehörigen Zeitungsmeldungen. Das macht neugierig: So ein riesiges Verfahren für eine Angelegenheit, die doch eigentlich klar sein sollte. Oder?

Einige Autohersteller suchten eine Umfahrung für neue Abgasregeln – vorsichtig formuliert

Wer die Diesel Manipulation schnell verstehen möchte, der kann diesen Skandal in das allgemeine politische Umfeld einordnen: Insbesondere bei Neubauten stöhnen die Bauträger und Bauherren seit Jahren über immer strengere Vorschriften im Hinblick auf die Wärmedämmung bzw. den „Energieverbrauch“ von Gebäuden.

Dies war einer der ersten Bereiche in dem die Politik nicht mehr auf die Kraft der marktwirtschaftlichen Lenkung setzte, sondern auf Vorschriften und Verbote.

Als Nächstes wurde der Autoverkehr als einer der angeblichen Umweltsünder entdeckt und es wurden immer wieder neue Abgasnormen entwickelt, die die Autohersteller schnellstens umzusetzen hatten.

Kaum jemand außer den Fachleuten hat dabei noch den Überblick: Sind wir noch bei der Euro IV-Norm und wann wird Euro 6 wieder durch noch strengere Regeln ersetzt.

Augenscheinlich dachten einige Menschen bei VW: Es könnte doch günstiger sein nicht ständig die Diesel-Motoren zu verbessern. Sondern stattdessen lieber die Lücken im System zu suchen.

Täuschen und Verschleiern: Die hinter der Diesel Manipulation stehende Idee

Die Ingenieure von Volkswagen standen unter einem mehrfachen Druck: Bei Volkswagen als einem der größten Autobauer der Welt summieren sich Ausgaben bei jedem einzelnen Fahrzeug zu riesigen Summen. Zudem ist VW eher selten im hochpreisigen Segment unterwegs.

Die Umsatzrendite ist deshalb im niedrigen einstelligen Prozentbereich angesiedelt. Wer es dann mit Gesetzen, Regelungen und dem Umweltschutz nicht ganz genau nimmt, der kann auf folgende Idee kommen: Warum denn ganz teure Abgasreinigungsanlagen einsetzen oder den Motor umbauen, wenn der Testzyklus auf einem Prüfstand nur einige Minuten dauert?

So in etwa könnten die internen Überlegungen gelautet haben. Und dann begann das Grübeln: Wie kann das Auto feststellen, dass es auf einem Prüfstand steht und wann es im „Echten“ Straßenverkehr bewegt wird.

Nach Lösung dieser Fragestellungen waren zwei Betriebsmodi erfunden: Der sehr emissionsarme Testmodus und die Motoreinstellungen im Normalbetrieb.

Video: Betrug & Manipulation: Der Diesel-Skandal

Die Folgen der Manipulation sind vom Wohnsitz des Klägers und seiner Aktivität abhängig

Wie die Diesel Skandal – im VW-Sprech als „Diesel-Thematik“ bezeichnet – ausgehen wird, ist durchaus vom Wohnsitzland des Klägers (=Autokäufers) und seiner Aktivität abhängig. Autofahrerinnen und Autofahrer in USA beispielsweise bereits entschädigt, weil die Justiz schneller arbeitet.

In Deutschland haben die Verbraucherzentralen eine so genannte Musterfeststellungsklage angestrengt: Damit soll grundsätzlich klargestellt werden, ob Volkswagen mutwillig oder absichtlich Abgaswerte manipuliert hat.

Und die Autofahrerinnen und Autofahrer damit für Autos einen vollen Preis bezahlt haben, die nicht so umweltfreundlich waren wie behauptet.

Und bei einer Nachrüstung nicht nur jede Menge Geld verschlingen würden, sondern eventuell Einbußen bei der Leistung mit einem Mehrverbrauch ein Treibstoff verbinden würden.

Allerdings gibt es keine automatische Rückzahlung von Teilen des Kaufpreises oder gar die verpflichtende Rücknahme des Fahrzeugs, wenn der Autokäufer nicht selber tätig wird.

Problematisch dabei sind die erheblichen Kosten, die auf Volkswagen zuzukommen scheinen: Verliert der Autohersteller den Prozess, dann kann er mit einer nachfolgenden Prozesswelle mit Forderungen einzelner Autofahrer rechnen.

Berater Tipp

Die Diesel Manipulation ist Wendepunkt in Industriegeschichte und beim Verbrauchervertrauen

Unabhängig davon ob die Autofahrer Klage auf Wertminderung oder Rückzahlung von Kaufpreisen verlangen, wird ein bitterer Nachgeschmack bleiben: Viele werden sich vollkommen berechtigterweise so fühlen, als wenn sie der Autohersteller (aber nicht der örtliche Autohändler) über den Tisch gezogen hätte. Denn: Bei den betroffenen Motoren handelt es sich nicht um einen der seltenen Motoren beispielsweise der „RS“-Reihe mit hohen dreistelligen PS-Zahlen, sondern um häufig gebaute Motoren. Die schon lange aus der Testphase heraus sein sollten. Genau bei diesen häufig gebauten Motoren scheint betrogen worden zu sein – nur um Kosten zu sparen. In der Folge ist auch das weltweite Vertrauen in „Made in Germany“ gesunken. Es gilt nicht mehr uneingeschränkt als weltweit anerkanntes Qualitätssymbol – die Industrie bekommt Gegenwind zu spüren. Extrem verkürzt zusammengefasst könnte gesagt werden, dass die Diesel Manipulation jede Menge Vertrauen und Geld gekostet hat.

Titelbild: © iStock – Feodora Chiosea