Der Mindestlohn und die Frage der gerechten Bewertung der Lebensleistung wurde schon im letzten Bundestagswahlkampf ausgiebig thematisiert. Das Erstaunliche dabei war, dass weder das sog. bürgerliche Lager noch eine Koalition aus SPD, Bündnis´90/Die Grünen und der Partei „Die Linke“ eine eindeutige Mehrheit errungen haben. Das Wahlergebnis war de facto ein Patt zwischen den unterschiedlichen Positionen und führte zur Großen Koalition. Wie sieht es knapp ein halbes Jahr später aus? Interessante Zahlen und Fakten beleuchten die Stimmungslage in unserem Land.

Die Jahre von 2003 bis 2013 waren das Jahrzehnt der Kürzungen

Im Jahr 2003 begann die vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder geführte rot-grüne Bundesregierung mit der Umsetzung der Agenda 2010. Diese brachte viele Umformungen innerhalb der bisher teilweise als selbstverständlich angesehenen staatlichen Leistungen mit sich: Die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I wurde grundsätzlich auf 12 Monate begrenzt, danach gibt es nur noch eine Art Grundsicherung auf niedrigstem Niveau. Das Renteneintrittsalter wird stufenweise und trotz zunehmender Belastung im Beruf von 63 Jahren enorm auf 67 oder – wie jüngst diskutiert wurde – gar 69 Jahren angehoben.

Viele Menschen verstehen den Sinn der steigenden Beitragslasten, der steigenden Steuern und der gesenkten staatlichen Leistungen nicht mehr. Deshalb stellt sich vielen die Frage, ob es in Deutschland noch gerecht zugehen würde. Eine Umfrage untermauert die sich inzwischen drehende Meinung in Deutschland mit sehr aussagekräftigen Zahlen.

Die Menschen diagnostizieren eine Gerechtigkeitslücke

Laut einer Umfrage des Allensbach Instítutes sind 59 Prozent der Befragten in Deutschland der Meinung, dass es nicht gerecht zugehen würde. Dieser Wert ist sehr erstaunlich, denn in den letzten Jahren wurden die Kürzungen anders als in Spanien oder Griechenland eben nicht von Massendemonstrationen oder einer veränderten politischen Landschaft begleitet.

Damit zeigt sich, dass sich in Deutschland erst langsam und unterschwellig das Gefühl heranbildet, dass ein Mindestlohn ebenso erforderlich ist wie eine angemessene Rente. Wer sich die Wahlen in unserem Nachbarland Frankreich ansieht, der wird das Erstarken der rechts gerichteten „Front National“ bemerken. In Deutschland hingegen ist die Parteienlandschaft noch sehr geordnet und die öffentliche Diskussion von den Argumentationslinien sowohl der Arbeitgeber und Politiker, als auch einiger Wirtschaftsverbände dominiert.

Deshalb bestimmten auch die Mütterrente und die Rente mit 63 Jahren (nach 45 Beitragsjahren) nur relativ kurz die Debatte. Der Umfrage zufolge würde nur etwa jeder fünfte Befragte (21 Prozent) die derzeitige Verteilung von Einkommen und Vermögen für „fair verteilt“ halten.

Die Befragten zeigen Flagge bei einer fairen Entlohnung

Ein weiteres Umfrageergebnis könnte zum Nachdenken anregen: 78 Prozent der Befragten sagen, dass der geplante Mindestlohn den sozialen Frieden stärken würde. Trotz aller Unkenrufe der Arbeitgeberseite, dass die de facto Abschaffung geringerer Löhne zu weniger Beschäftigung führen würde, stehen die Menschen zu diesem politischen Ziel.

Video: Was wäre wenn – es in Deutschland einen Mindestlohn gäbe ?

Damit scheinen die Bürger wesentlich realitätsnäher zu sein, als manche Funktionäre der Arbeitgeberseite: Diese beschwören immer wieder schon fast den Untergang des Abendlandes, wenn es durch Lohnerhöhungen oder eine höhere Rente zu Belastungen der Unternehmen kommen würde. Übersehen dabei allerdings, dass gerade in den unteren Lohngruppen die meisten Lohnerhöhungen wieder direkt in den Konsum gehen und damit die Binnenkaufkraft stärken.

Das Schließen der Gerechtigkeitslücke steht unmittelbar bevor

Als Sofortmaßnahme zum Schließen eines großen Teils der Gerechtigkeitslücke sind die neuen Regelungen hevorragend geeignet. Was allerdings gerade im Hinblick auf den doch teilweise recht verwahrlosten Zustand der Infrastruktur notwendig wäre, ist der nächste Schritt: Welchen Beitrag sollen die einzelnen Einkommens- und Vermögensgruppen zum Erhalt des Gemeinwesens leisten.

Berater Tipp
Kann es sein, dass Arbeit stärker besteuert wird als beispielsweise die Kapitalerträge eines inzwischen rechtskräftig verurteilten Fußball-Managers? Diese Fragen werden angesichts eines sehr geringen Wirtschaftswachstums und der steigenden Notwendigkeit von Staatsausgaben für Infrastruktur und Bildung zunehmend im Mittelpunkt stehen.

Bildquelle: Copyright Birgit Reitz-Hofmann – shutterstock.com