Die muslimische Bevölkerung in Europa wächst und damit auch die Sorge vieler, dass sich in den nächsten 20 bis 30 Jahren die Mehrheitsverhältnisse im Westen verändern werden. Ist die Befürchtung einer „Islamisierung“ Europas begründet?

Die Reaktion eines Spiegel-Lesers war eindeutig: sollte es das Magazin noch einmal wagen einen Artikel auch auf Türkisch abzudrucken, so würde er sein Abo kündigen. Seiner eigenen Aussage nach, hätte er auch genauso reagiert, wenn der Text in Englisch oder Spanisch erschienen wäre, schließlich würde man in Deutschland leben. Auch andere Leser reagierten empört auf das Experiment des Spiegels.

Aber warum dieses übertriebene Gebaren der Leser? Hätten sie tatsächlich auch so reagiert, wenn der Artikel ins Englische übersetzt worden wäre? Wohl eher nicht, denn die Sorge der Deutschen richtet sich nicht gegen eine multikulturelle Vielfalt der Gesellschaft sondern gegen eine Dominanz der muslimischen Bevölkerung im eigenen Land.

Angst vor Überfremdung

Das Thema wird schon seit Jahren heiß diskutiert – nicht nur in Deutschland sondern auf der ganzen Welt. Die Rede ist von einer Islamisierung des Westens. Die Angst vieler ist groß, sei sie begründet oder unbegründet.

In der Schweiz gibt es das sogenannte Minarett-Verbot, d.h. es dürfen keine traditionellen Moscheen gebaut werden und erst im Februar dieses Jahres hat die schweizerische Bevölkerung für eine Beschränkung der Einwanderung gestimmt.

Halal Fleisch im Sortiment

In Großbritannien werden Fast-Food-Ketten und Supermräkte kritisiert, weil sie Halal-Fleisch ins Sortiment aufnehmen und auch die Einführung von Elementen des Sharia-Rechts wird mit Argwohn betrachtet, auch in anderen europäischen Ländern. Skepsis macht sich breit und die Angst vor Überfremdung und Andersdenkende.

Berater Tipp

Islamisierung des Westens?

Justin Vaïsse, ein französischer Historiker, schrieb 2010 in einem Artikel für „Foreign Policy„, dass sich Europa bis 2050 zur Unkenntlichkeit verändern würde, so würde sich in den bekannten Pariser Alleen dann nicht mehr romantischen Cafès aneinanderreihen sondern Hala-Fleischereien und Shisha-Bars.
Die Straßennamen in Berlin würden auf Türkisch geschrieben sein, Schulkinder von Oslo bis nach Neapel würden Koran-Verse im Unterricht lernen müssen und die Frauen trügen alle nur noch Kopftuch.

Vaïsse Artikel muss mit einem Augenzwinkern gelesen werden, denn die von ihm sarkastisch beschriebenen Szenarien seien aus seiner Sicht völlig realitätsfern. Ein Kulturkampf und der Verlust Europas seiner eigenen Identität sei nach seiner Ansicht nicht zu erwarten – auch nicht in den nächsten 20 oder 30 Jahren.

Die muslimische Bevölkerung wächst nicht in Europa

Justin Vaïsse These wird von einer Studie von 2011 des unabhängigen Pew Research Center on Relgious and Public Life aus den USA bestätigt. Zwar besagt die Untersuchung, dass sich die muslimische Bevölkerung in den nächsten Jahren vermehren wird, aber dass der Wachstum in Europa um einiges langsamer sein werde als bisher vermutet.

Neben Zuwanderungen/Auswanderungen ist zudem der Geburtenrückgang im Westen ein Grund für den Wachstum der muslimischen Bevölkerung in Europa und den USA. In Deutschland liegt die Geburtenrate bei 1,4 Kindern pro Frau, während im Gegensatz dazu Frauen in Niger, Afghanistan oder Somalia zwischen 6 und 7 Kinder gebären. Aber nicht in allen muslimischen Ländern ist die Geburtenrate hoch: Im Iran liegt sie bei 1,7 Kindern pro Frau und ist damit eher mit europäischen Ländenr vergleichbar (Quelle: NY Times).

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Prozentzahl der muslimischen Bürger in West-Europa von 6 % (2010) auf 8 % (2030) erhöhen wird, wenn es keine großen Veränderungen in der Einwanderungspolitik geben wird.

Damit bleiben Muslims auch weiterhin eine Minderheit in den westlichen europäischen Staaten. Die Mehrheit der Muslime auf der Welt werden auch weiterhin im Asien-Pazifik-Raum, Mittleren Osten und Nordafrika leben. Die Angst, dass sich die Mehrheitsverhältnisse in Europa ändern werden ist dennoch unbegründet.

Statistik: Durschnittliche Geburtenraten weltweit

Geburtenrate weltweit

Einführung von muslimischen Traditionen

Hamburg und Bremen waren die ersten Bundesländer in Deutschland, die mit Muslimen und Aleviten einen Staatsvertrag abgeschlossen haben, der den muslimischen und alevitischen Bürgern verfassungsrechtlich und gesetzlich garantierte Rechte und Pflichten bestätigt. Daneben müssen sich die Religionsgemeinschaften zu den Wertgrundlagen Deutschlands bekennen und es wird insbesondere die Gleichberechtigung von Frauen und Männern verlangt.

Die größte Änderung behandelt die drei höchsten islamischen Feiertage Opferfest, Ramada und Aschura, an denen Muslime nun ein Recht darauf haben von der Arbeit oder der Schule freigestellt zu werden. Zudem dürfen die Gemeinden eigene Bildungseinrichtungen betreiben, müssen sich aber dazu im Gegenzug zur Schulpflicht und der Teilnahme an staatlichen Schulen bekennen. Auch dürfen Gemeinden Moscheen mit Kuppeln und Minaretten bauen, wenn sie sich „in ihre jeweilige Umgebung einfügen„.

Auswirkungen auf Wirtschaft und Recht

Dieser Schritt – der Abschluss der Staatsverträge – wurde von vielen als historischer Akt gesehen, aber auch mit viel Misstrauen betrachtet, denn so einige sehen darin bereits eine Islamisierung des Landes. Fürchten tun sich die Islamkritiker vor allem vor einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und einer islamischen Paralleljustiz, das wird deutlich wenn man sich die Leserkommentare zu einzelnen Zeitungsartikeln genauer anschaut.Verallgemeinerung kann sich nur negativ auf das gemeinsame Zusammenleben auswirken…

Demnach glauben viele, dass mit dem Wachstum der muslimischen Bevölkerung in Deutschland und Europa auch die Zahl der Arbeitslosen wachsen wird, was einen erheblichen Druck auf das Sozialsystem ausüben wird. Zahlen und Fakten können allerdings nicht vorgelegt werden und solch eine Verallgemeinerung kann sich nur negativ auf das gemeinsame Zusammenleben auswirken.

Video: Der Islam und westliche Werte

Die Einführung von Elementen – nur Privatrecht, kein Strafrecht – der Sharia wurde zum Teil auch nicht positiv aufgefasst. In Großbritannien und Belgien ist die Übernahme von einzelnen Vorschriften der Sharia allerdings stärker in der Praxis vertreten als in Deutschland. Selbst wenn nach Sharia-Recht in Deutschland entschieden wird, so muss die Entscheidung doch immer noch dem deutschen Recht entsprechen. Experten  sehen zudem die Chance, dass mit dem Einzug der Sharia das Vertrauen der Migranten in den deutschen Rechtsstaat gestärkt werden könnte, da man ihre kulturellen Umstände berücksichtigt.

Werte, Konsum und Mode

Spinnt man die Ängste und Sorgen weiter, so sehen einige bald alle Frauen nur noch mit Kopftuch und in den Schaufenstern würden statt der neusten Modetrends nur noch Burkas zu sehen sein. Das ist jedoch eine absurde Vorstellung. Nicht alle Muslimen in Deutschland und Europa kleiden sich traditionell und viele haben sich den „Modetrends des Westens“ angepasst.

Wer behauptet, dass Muslime keine Deutschen oder keine Europäer sein können der irrt. Gerade Kinder, die hier aufwaschsen, lernen neben den religiösen Werten in der Familie auch die nationalen gesellschaftlichen Werte kennen, wenn sie z.B. zur Schule gehen. Nicht nur die Familie hat Einfluss auf die Entwicklung sondern auch Freunde, Schule und die Gesellschaft um einen herum. Es wäre ein großer Fehler Muslime von vornherein auszugrenzen, da sie sich dann unverstanden fühlen und sich in „Parallelgesellschaften“ zurückziehen.

In Großbritannien gehört der Verkauf von Halal-Fleisch zum Alltag.Könnte sich in Zukunft der Konsumverhalten in Europa verändern, wenn die Anzahl der Muslime steigt? Bereits jetzt gibt es Geschäfte, die auch (oder nur speziell) Waren und Lebensmittel verkaufen, die hauptsächlich von Muslimen erworben werden. In Großbritannien gehört der Verkauf von Halal-Fleisch zum Alltag und auch Fast-Food-Ketten wie KFC, Subway und Pizza-Express bieten Halal an. Diese Änderungen haben natürlich auch wieder Kritiker, insbesondere Tierrechtsinitiativen auf den Plan gerufen. Die Schlachtung unter muslemischen Voraussetzung sei eine Tierquälerei.

Die Zahlen der Studie würden nicht annähernd eine Islamisierung des Westens bestätigen.

Keine muslimische Mehrheit

In den Expertenkreisen dominiert die Ansicht, dass sich die Mehrheitsverhältnisse in Europa und der Westen im Allgemeinen nicht stark verändern werden – auch nicht in zwanzig oder dreißig Jahren. Amaney A. Jamal, Professorin an der renomierten Princeton Universität und Beraterin für das unabhängige Pew Research Center kann sich die Hysterie nicht erklären, denn die Zahlen der Studie würden nicht annähernd eine Islamisierung des Westens bestätigen (Quelle: nytimes.de).

Andere erklären, dass eine hohe Dominanz von Muslimen im Westen nur möglich wäre, wenn die muslimischen Immigranten in den westlichen Ländern mehr Kinder bekommen würden, als die Frauen in ihren Heimatländern. Der Trend gehe jedoch eher dahin, dass sich die Geburtenraten der muslimischen Frauen in Europa denen anderer eurppäischer Frauen anpasst, was auch daran liegen mag, dass viele muslimische Frauen sich bilden wollen, arbeiten gehen, und somit nicht nur Zeit für die Familie haben.

Die Sorge und Angst der Menschen im Westen ist nach Ansicht der Experten nicht gerechtfertigt und viele warnen vor den Gefahren von allzugroßer Paranoia gegenüber Bevölkerungsgruppen, denn dies habe in der Vergangengeit – man bedenke die Judenverfolgung im Deutschen Reich – schon zu unerfreulichen und erschreckenden Situationen geführt.

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