Die Auswirkungen einer Korrektur des Leitzinssatzes durch die Europäische Zentralbank sind für Unternehmen wie für Verbraucher mitunter dramatisch. Umso genauer werden die Ergebnisse der allwöchentlichen Ratssitzungen in Frankfurt am Main von der Medienlandschaft beobachtet. Eine Anhebung des Zinssatzes wirkt sich unmittelbar auf die Rendite-Chancen bei Geldanlagen wie Tages- oder Festgeld, vor allem aber auf den Kreditsektor aus. Zuletzt hatte die Presse sowie die Bankenbranche auf neue Signale von Seiten der EZB erwartet, war aber über Monate hinweg in Warteposition versetzt worden. Die Zentralbank entschied trotz aller Spekulationen über eine drohende Deflation, am aktuellen Zinsniveau festzuhalten. Interessant ist die Auswertung der Zinsentwicklung in Europa in den vergangenen 15 Jahren, die anhand einer neuen EZB-Statistik möglich ist.

Wirtschaftsexperten sehen steigende Deflationsrisiko

Vor allem die Kreditwirtschaft erwartet nahezu sehnsüchtig eine Anhebung der Zinssätze für das Hauptrefinanzierungsgeschäft. Auch viele Unternehmen der Privatwirtschaft fordern seit einiger Zeit, dass die EZB endlich Maßnahmen ergreifen solle. So mancher Experte hatte die Zinspolitik der Zentralbank kritisiert. Die Vorgehensweise fördere das Risiko sinkender Preise in einem ungesunden Maße.

So weist Marcel Fratzscher, seines Zeichens Chef des Berliner Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), darauf hin, dass einige Analysten das momentane Risiko einer Deflation innerhalb der Euro-Zone mit rund 20 Prozent einstufen. Dies sei aber nur am Rande thematisiert.

Wichtige Signalwirkung für den gesamten Geldmarkt

Lohnender ist da die erwähnte Zusammenfassung mit Blick auf die Zinsentwicklung von 1999 bis 2013 für das Instrument der Hauptrefinanzierung. Der Zinssatz wird von der EZB für kurzfristige standardisierte Ausschreibungs- und Zuteilungsverfahren für Geschäftsbanken zugrunde gelegt, wobei sich die Zeitspanne für die Mittel-Beschaffung auf jeweils eine Woche bezieht. Dass der Hauptrefinanzierungsgeschäfts-Zinssatz so große mediale Aufmerksamkeit erhält, lässt sich damit erklären, dass es sich hier um das geldpolitische Instrument Nummer 1 der Europäischen Zentralbank handelt.

Berater Tipp

Der Kreditsektor wird in die richtige Richtung gelenkt

Die Bank nimmt mit dem Zinssatz einerseits auf die Zinsen insgesamt sowie andererseits auf die Kapitalliquidität am europäischen Geldmarkt Einfluss. Ein wichtiges Signal also, um den Kreditsektor in die richtige Richtung zu lenken.

Deutliche Bandbreite zwischen Höchst- und Tiefststand seit 1999

Bekannt ist der „Mindestbietungszinssatz“ für den Offertenmarkt aufgrund seiner hohen Relevanz auch als so genannter Leitzins, der sich direkt oder indirekt auf andere aktuelle Zinssätze auswirkt. Auffallend ist, dass der Zinssatz seit 1999 niemals geringer angesetzt wurde als derzeit seit November 2013. Seit Juli 2011 senkte die EZB den Zinssatz schrittweise von 1,50 Prozent auf nunmehr 0,25 Prozent.

Seinen Höchststand hatte der von der EZB festgelegte Zinssatz für das Hauptrefinanzierungsgeschäft im Oktober 2000 mit einem Wert von 4,75 Prozent. Seit Januar 2009 vertraute die EZB auf einen Zinssatz von maximal 2,00 Prozent. Zuvor bewegte sich der Zinssatz abgesehen von einigen kurzfristigen deutlicheren Abweichungen auf schwankendem Niveau zwischen 2,00 und etwa 4,00 Prozent.

Video: EZB ringt sich zu rekord-niedrigem Leitzins durch

Erneute Senkung des Leitzinssatzes durchaus vorstellbar

Die aktuelle EZB-Statistik zeigt nicht nur, dass die EZB schon seit fast einem halben Jahr am derzeitigen Zinssatz in Höhe von 0,25 Prozent festhält. Die Daten ab dem Jahr 1999 beweisen zugleich, dass die Europäische Zentralbank durchaus reichlich Gebrauch von ihren Möglichkeiten zur Einflussnahme auf den Kreditmarkt und die Wirtschaftslage macht. Dass dabei nicht grundsätzlich Maßnahmen ergriffen werden, die jedem Analysten gefallen, liegt in der Natur der Sache.

Doch schon seit einer ganzen Weile gehen Beobachter davon aus, dass die erste Zinsanhebung sein Monaten nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Fraglich ist, was die nach wie vor notleidenden Staaten im Süden Europas von einem solchen Schritt halten werden. Auf der anderen Seite wird in den Medien spekuliert, ob die EZB vielleicht sogar abermals eine Zinssenkung vornehmen wird, um weitere positive Zeichen für die europäische Wirtschaft zu setzen.

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